Das gesellschaftliche Ehrenamt im „Freundeskreis Schloss Hungen e.V.“ feiert ein Jubiläum in 2026 – 50 Jahre denkmalpolitisches Engagement durch Kultur: Das Schloss Hungen als  soziokultureller Wohn- und Lebensort

Zur Unterscheidung zwischen dem Denkmal Schloss Hungen als kulturellem Objekt und der gemeinschaftlichen Wohnpraxis als kultureller Handlung – Vor über 50 Jahren entstand eine „Schlossgruppe“ im Schloss Hungen, aus der im Jahr 1976 ein Verein hervorgegangen ist

Das Denkmal als kulturelles Objekt

Materielle Kultur in statischer Form

Das Denkmal Schloss Hungen verkörpert materielle Kultur in ihrer statischen Form und fungiert als physischer Träger historischer Informationen sowie kultureller Codes. Diese Objektivität manifestiert sich in der dauerhaften Einschreibung von Bedeutungen in Stein, Holz und anderen Materialien. Jedes architektonische Detail, jede Stilrichtung und jede handwerkliche Technik dokumentiert spezifische historische Perioden, gesellschaftliche Verhältnisse und technische Entwicklungen.

Dokumentarische Funktion

Die dokumentarische Funktion des Denkmals ermöglicht es, historische Epochen und deren charakteristische Merkmale zu konservieren. Das Denkmal existiert als kulturelles Zeugnis unabhängig von seiner aktuellen Nutzung und transportiert Bedeutungen, die über die ursprüngliche Funktion hinausreichen. Diese Eigenschaft verleiht dem Denkmal eine zeitlose Qualität als kultureller Text, der interpretiert werden kann, ohne dass eine aktive Nutzung erforderlich ist.

Kollektives Gedächtnis und gesellschaftliche Repräsentation

Als Träger des kollektiven Gedächtnisses repräsentiert das Denkmal gesellschaftliche Werte, ästhetische Vorstellungen und soziale Strukturen vergangener Epochen. Diese Bedeutungsebene wird durch denkmalpflegerische Maßnahmen bewusst konserviert und bleibt weitgehend festgeschrieben. Das Objekt fungiert somit als kultureller Referenzpunkt für die Gesellschaft und deren historisches Selbstverständnis.

Die gemeinschaftliche Wohnpraxis im Denkmal als kulturelle Handlung

Gelebte Kultur durch menschliche Aktivität

Die gemeinschaftliche Wohnpraxis im Denkmal Schloss Hungen stellt gelebte Kultur dar, die sich durch menschliche Aktivität und Interpretation konstituiert. Sie orientiert sich an den gesetzlichen und formalen Rahmenbedingungen für Wohnungseigentümer; bleibt jedoch dynamisch und subjektiv geprägt, da sie von den individuellen Erfahrungen und Bedürfnissen der Bewohner abhängt. Ein hohes Maß an Verantwortung liegt in der Selbstverwaltung, wenn organisatorisch über Zugang, Teilhabe und Partizipation von Erhaltungs- und Gestaltungsprozessen entschieden werden muss. Dies erfordert ausreichend Spielraum für Gemeinschafts- und Identifikationsprozesse.

Im Gegensatz zum statischen Denkmal entwickelt sich die Wohnpraxis kontinuierlich durch die tägliche Nutzung und Aneignung des privaten und gemeinschaftlichen Raumes. Das Wohnen als Gruppe im Denkmal Schloss Hungen und auf dem Schlossgelände verstand sich von Beginn an als kulturelle Aufgabe, die nach neuen sozialen Nutzungs- und Wohnformen im Umgang mit dem Baudenkmal suchte.

Die Räumlichkeiten des Schlosses sollten für den Stadtraum von Hungen geöffnet und zugänglich gemacht werden. Zu diesem Zweck wurde 1976 aus der Schlossgruppe heraus der Verein „Freundeskreis Schloss Hungen e.V.“ gegründet, um fortan die Öffentlichkeit zu Kulturveranstaltungen und Festen in das Schloss einzuladen. Die Schlossgruppe (als Versammlung der Gemeinschaft der Eigentümer) und der Kulturverein „Freundeskreis Schloss Hungen e.V.“ bieten seither im gemeinsamen Diskurs das Baudenkmal Schloss Hungen als kulturellen  Erfahrungsort an.

Dynamische Raumaneignung: „Die Schlossgruppe“ – 50 Jahre Wohnen im Denkmal

Die Bewohner des Schlosses entwickeln spezifische Umgangsformen mit der historischen Substanz, die von respektvoller Bewahrung bis hin zu kreativer Adaptation reichen. Diese anpassende Aneignung der Räume und des Geländes umfasst die verschiedenen Weisen, wie Menschen den historischen Raum unterschiedlich interpretieren und in ihren Alltag integrieren. Dabei entstehen neue Nutzungsmuster und Bedeutungszuschreibungen, die sich von der ursprünglichen Funktion des Gebäudes unterscheiden können.

Aushandlungsprozesse zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Die kulturelle Dimension der Wohnpraxis entsteht durch die bewusste oder unbewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte des Raumes. Die Bewohner müssen kontinuierlich Kompromisse zwischen historischer Authentizität und modernen Wohnbedürfnissen eingehen. Diese Aushandlungsprozesse schaffen neue kulturelle Praktiken, die weder in der ursprünglichen Nutzung noch in der reinen Denkmalpflege vorgesehen waren.

Die Besucher des Schlosses nehmen den historischen Ort und seine veränderten Nutzungsgeschichten im praktischen und kulturellen Zugang wahr. An den konkreten Veranstaltungsorten – Schlosshof, Blauer Salon, Pferdestall und dem Schlossgarten, der wie ein kleiner Park wirkt – erleben sie stets auch die historischen Dimensionen des Baudenkmals. Geschichte repräsentiert sich im kulturellen Ereignis und wird in einem öffentlichen Erlebnisraum erfahrbar gemacht: Die Gegenwart wird zu einem Geflecht von Erinnerungen.

Das Schloss Hungen wird neben seiner Funktion als gemeinschaftlicher Wohnort zu einem lebendigen Kulturdenkmal und einem Bühnenraum transformiert. Theater, Musik, Tanz, Literatur, bildende Kunst und andere Formen künstlerischer Tätigkeit beleben das Baudenkmal als Ereignis- und Kulturraum, indem es zu einem öffentlichen Ort der gesellschaftlichen Begegnung im gegenwärtigen Stadtraum von Hungen wird.

Der Erhalt des baukulturellen Erbes und die Präsentation des Denkmals mit seiner Geschichte im öffentlichen Raum schaffen einen unverwechselbaren Ort und regen kontinuierlich dazu an, über die baukulturelle Identität in der Stadt und der Region nachzudenken. Das Schloss als Baudenkmal und als historischer Orientierungspunkt leistet einen Beitrag dazu, dass der Stadtraum von Hungen als lebendiger Erfahrungsort für kulturelle Bildung und persönliche Teilhabe genutzt werden kann.

Wechselwirkungen und Spannungsfelder

Produktive Spannungen aus 50 Jahren erfolgreicher denkmalpolitischer Praxis

Die Unterscheidung und die wechselseitige Beziehung zwischen dem Denkmal als kulturellem Objekt und der gemeinschaftlichen Wohnpraxis als kultureller Handlung ist von produktiven Spannungen geprägt. Die ursprüngliche Idee ein gemeinschaftliches Wohnprojekt im Schloss Hungen zu wagen und daraus eine soziokulturelle Vision zu entwickeln, markieren spätestens mit der Gründung des Vereins „Freundeskreis Schloss Hungen e.V.“ auch den Beginn einer 50-jährigen erfolgreichen denkmalpolitischen Kulturpraxis.
Die bewusste Entscheidung der hessischen Landesdenkmalpflege, das historische Baudenkmal Schloss Hungen für ein Wohngruppenprojekt zu öffnen, war damit mehr als nur der entscheidende und mutige Beginn, das Baudenkmal vor dem Verfall zu bewahren und zu retten. Die Möglichkeit der Wohnnutzung hat nicht nur zur Erhaltung der Bausubstanz beigetragen, sondern die modernen Nutzungsanforderungen und Veränderungen haben in einen spannenden Gruppenprozess geführt, der es ermöglicht hat, dass sich ein ursprünglich, historisches Baudenkmal zu einem soziokulturellen Wohnort einer Schlossgruppe transformiert hat.

Kulturproduktion durch Neuverhandlung

Diese Dynamik hat eine spezifische Form der Kulturproduktion erzeugt, die weder reine Konservierung noch freie Gestaltung darstellt. Die Bewohner, Besucher und Beobachter werden zu Akteuren einer kontinuierlichen kulturellen Neuverhandlung und erleben, dass historische Bedeutungen mit zeitgenössischen Bedürfnissen in einen Dialog treten. Dabei entstehen neue Formen des kulturellen Wissens und der kulturellen Praxis, die sich von der ursprünglichen Bedeutung des Denkmals unterscheiden, ohne diese vollständig zu ersetzen.

Kontinuität und Wandel – 50 Jahre gewohnter Wandel als gelebte Nachbarschaft

Die Besonderheit dieser Konstellation im Baudenkmal Schloss Hungen liegt darin, dass sie kulturelle Kontinuität und sozialen Wandel gleichzeitig ermöglicht. Das Denkmal als Objekt gewährleistet die Bewahrung historischer Substanz, während die Wohnpraxis als kontinuierliche Handlung die lebendige Aktualisierung und Reinterpretation der Bausubstanz sicherstellt und zusätzlich einen neuen, offenen Kulturraum (Soziokultureller Wohn- und Lebensort) entstehen lässt.

Die Organisationsaufgaben für diesen Kulturraum zu finden und zu öffnen, bewerkstelligt im wesentlichen der „Freundeskreis Schloss Hungen e.V.“ durch seinen institutionellen Kern als Verein mit klarer Zweckbestimmung. Denn die Interaktion, zwischen der Schlossgruppe (als Versammlung der Gemeinschaft der Eigentümer) und dem Kulturverein „Freundeskreis Schloss Hungen e.V.“, ermöglicht eine einzigartige Form der öffentlichen Kulturübertragung, die als praktizierte Vision sowohl Vergangenheit und Gegenwart, als auch die Zukunft am Baudenkmal miteinander zu verbinden sucht.

Text und Bilder: Frank Sygusch (Freundeskreis Schloss Hungen e.V.)