Freundeskreis Schloss Hungen e.V.
Fünfzig Jahre
Bürgerschaftliches Engagement
für Denkmalschutz und Kultur
(1976 – 2026)

Die Schlossgruppe Hungen (1974) und die Gründung des Vereins (1976)

Im Jahr 1974 entstand auf Initiative von Dr. Adolf und Renate Hampel sowie weiteren Beteiligten ein besonderes Wohnprojekt in Hungen. Graf Oppersdorff zu Solms-Braunfels übergab das Hungener Schloss, das baulich in einem schlechten Zustand war, durch einen notariellen Schenkungsvertrag an eine Gruppe von 18 Gründungseigentümern.
Dr. Kiesow, damals Landeskonservator und Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Hessen, unterstützte diese Form und Initiative. Seine Entscheidung war von hoher Relevanz: Er befürwortete die Übergabe, und ermöglichte damit eine neue und veränderte Nutzungsform: das gemeinschaftliche Wohnen als Eigentümergruppe in einem Denkmal.
Die Mitglieder der Gründergruppe verfolgten von Anfang an mehrere Ziele. Sie hatten sich mit der Übernahme verpflichtet das Denkmal zu erhalten und wollten privaten Wohnraum schaffen. Gleichzeitig planten sie Freiräume und Räumlichkeiten für soziale und kulturelle Aktivitäten zu ermöglichen und die Außenanlagen des Schlosses der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Renate Hampel-Freese und Adolf Hampel
Renate Hampel-Freese und Adolf Hampel, 1975

Im November 1976 entstand – auf Initiative aus dieser Schlossgruppe heraus – mit 11 Gründungsmitgliedern der gemeinnützige Verein Freundeskreis Schloss Hungen e.V. Der 1. Vorstand des Vereins bestand aus Dr. Adolf Hampel, Dr. Walter von Bebenburg und Wiltrud Krüger. Beide Initiativgruppen (die Schlossgruppe als die Versammlung der Miteigentümer und der Freundeskreis als gemeinnütziger Kulturverein) stellen seither das Baudenkmal Schloss Hungen in den Mittelpunkt ihres gemeinsamen Interesses. Die Idee der Mitnutzung der Sozialräume des Schlosses und des Schlossgeländes bestimmt dabei den sinnstiftenden Rahmen und den Zweck für die Arbeit des Kulturvereins. Das Grundverständnis der Gründer beider Initiativen war klar: Das „Wohnen im Denkmal“ ist eine kulturelle Aufgabe, das als Gemeinschaftsprojekt in einem Gruppenprozess nach innen und außen gestaltet werden muss. Obwohl die Schlossgruppe (1974) und der Freundeskreis (1976) zu unterschiedlichen Zeitphasen entstanden, verbindet beide eine Vision (Zukunftsbild), in der das denkmalpolitische Engagement und das gesellschaftliche Ehrenamt für eine Kulturgemeinschaft und das Gemeinwohl förderlich sind. Die Selbstorganisation bildet den Kern des Schlossprojekts und sicherte den Gemeinschaftscharakter sowie die weitere Entwicklung und bewirkte, dass im Schloss Hungen ein Lebensort entstanden ist, der Wohnkultur mit gesellschaftspolitischen Engagement und Ehrenamt verbindet.

Von der Idee zur Vision der ehrenamtlichen Kulturpraxis

Die Satzung des Freundeskreises Schloss Hungen e.V. legt den Zweck des Vereins fest: Die Unterstützung der Gestaltung und die Erhaltung denkmalgeschützter Teile der Außenfassaden und Außenanlagen und die Organisation von kulturelle Veranstaltungen, um die Traditionen des Schlosses zu pflegen und seine kulturelle Bedeutung zu beleben. Als gemeinnütziger Verein kann er steuerlich absetzbare Mitgliedsbeiträge, Spenden und Fördermittel annehmen. Diese Mittel werden ausschließlich für die in der Satzung festgelegten Zwecke verwendet. Eine Satzungsänderung im Jahr 1980 erweiterte den Auftrag: Seither vertritt der Verein auch denkmalpflegerische Anliegen in der öffentlichen und politischen Willensbildung der Stadt Hungen.

Diese Ziele eröffneten neue und zusätzliche Möglichkeiten im Umgang mit dem Baudenkmal. Eine weitere „Initiativgruppe Pferdestall“ (Angelika Werner / Dr. Adolf Hampel / Ulrich Stiehl) aus der Schlossgruppe regte im Frühjahr 1978 an, einen ersten Gemeinschaftsraum im Schloss zu erschaffen und zu renovieren, um diesen für kulturelle Aktivitäten nutzen zu können. Der Freundeskreis Schloss Hungen e.V. lädt seither die Öffentlichkeit zu Veranstaltungen und zu Festen ins Schloss nach Hungen ein und das Denkmal mit seiner Baugeschichte und seinen historischen Dimensionen wurden zu Bestandteilen eines offenen Kulturkonzepts.

Kulturelle Dimensionen: materielles Baudenkmal und gesellschaftliche Begegnung

Auch heute vereint das Schloss Hungen zwei kulturelle Dimensionen: Als materielles Denkmal verkörpert es statische Kultur in Stein, Holz und historischer Bausubstanz. Es dokumentiert vergangene Epochen, gesellschaftliche Verhältnisse und handwerkliche Entwicklungen. Als Träger von gemeinsamen und kollektiven Erinnerungen bewahrt es die baugeschichtlichen und kulturellen Wissensbestände und besteht unabhängig von seiner aktuellen Nutzung.

Schloss Hungen - Foto: Alexander Wurz
Foto: Alexander Wurz

Gleichzeitig bildet es Rahmenbedingungen, in denen das gemeinschaftliche Wohnen und die Nutzung der Sozialräume im Baudenkmal eine eigenständige dynamische und gelebte Kultur entwickeln können. Die Bewohner eignen sich den historischen Raum des Schlosses als Wohn- und Lebensort fortlaufend an und erschaffen – über die Einbindung des Vereins – beständig neue Nutzungsmuster. Durch Angebote von Kunst und Kultur wird ein Raum für Öffentlichkeit und gesellschaftliche Begegnung ermöglicht. Diese Entwicklungen bewegen sich zwischen respektvoller Bewahrung und freier Gestaltung und kreativer Anpassung. Die Aushandlung zwischen historischer Authentizität und modernen Wohnbedürfnissen erzeugt kulturelle Praktiken und Spannungen, die weder in der ursprünglichen Nutzung noch in der reinen Denkmalpflege vorgesehen waren.
 Die Entwicklung der letzten 50 Jahre veränderte die Anforderungen an das Baudenkmal sowie die Wahrnehmung des historischen Ortes und seiner verschiedenen authentischen Nutzungsgeschichten.

Foto: Thorsten Amlung, 2020
Foto: Thorsten Amlung, 2020

Das Schloss Hungen als gemeinschaftlicher Wohnort entwickelte sich zu einem öffentlichen Raum für gesellschaftliche Begegnungen im gegenwärtigen Stadtraum von Hungen. Der Erhalt und die Präsentation des Denkmals mit seiner Geschichte und die Möglichkeit das Schloss als Ereignisraum für Kulturveranstaltungen zu nutzen, bieten eine kulturelle Bereicherung für die Stadtregion.

Schlossgruppe und Verein – Strukturmerkmale des gemeinschaftlichen Wohnprojektes

Die Schlossgruppe und der Freundeskreis arbeiten eng zusammen. Die Schlossgruppe ist die Versammlung der Miteigentümer: In regelmäßigen Schlossgruppensitzungen, die von einer ehrenamtlichen Verwaltung planend vorbereitet werden, führen Beratung und Diskussion zu Entscheidungen über Fragen, die im Zusammenhang mit der Erhaltung und Gestaltung des Baudenkmals und des Schlossgeländes stehen.

Lauschende, Robinie, 2004, Brele Scholz / Foto: Frank Sygusch
Lauschende, Robinie, 2004, Brele Scholz / Foto: Frank Sygusch

Die Zusammenarbeit schafft eine besondere Form der Kulturvermittlung. Ein „kleines“ Schloss, das gleichzeitig bewohnt und als Kulturort genutzt wird, bietet eine seltene Konstellation: Die Baugeschichte ist nicht musealisiert, sondern lebt weiter. Genau darin liegt das Potential – nicht im distanzierten Betrachten, sondern im erlebbaren Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Nutzung. Das kreative Gestaltungsprinzip eines bewohnten Schlosses entsteht nicht durch die Menge der vermittelnden Information, sondern durch die Qualität des Kontrastes: alt und neu, privat und öffentlich, überliefert und lebendig. Überzeugende Formate sind jene, die diesen Kontrast nicht auflösen, sondern produktiv spürbar, verstehbar und in seiner Vielschichtigkeit fühlbar machen. Dann können kulturelle Ereignisse als historische Spiegelung wirken und eine narrative Performanz des kulturellen Erbes entstehen.

Die Schlossgruppe und der Kulturverein bieten das Schloss Hungen als historisch-kulturellen Bezugspunkt an. Das kulturelle Erbe des Denkmals ist weiterhin bewohnbar und erlebbar. Das Baudenkmal als Objekt bewahrt die historische Substanz. Die Wohnpraxis als fortlaufende Handlung und als Gruppenprozess ermöglicht die lebendige Weiterentwicklung und Neuinterpretation. Es verleiht dem Ort seinen einzigartigen Charakter.

Denkmalpolitische Praxis und Kulturkonzept für den ländlichen Raum

Der Freundeskreis Schloss Hungen e.V. ist aus der Schlossgruppe heraus entstanden. Seit 50 Jahren bietet er ein bewährtes Kulturkonzept für den ländlichen Raum im Landkreis Gießen an. Durch die Unterstützung der Eigentümer und das ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder und Schlossfreunde hat sich ein offenes und vielseitiges Kulturkonzept entwickelt. Es schafft Gemeinschaftserlebnisse und fördert den gesellschaftlichen Diskurs und den lebendigen Kulturaustausch im ländlichen Raum.

Logo Freundeskreis – 50 Jahre Freundeskreis Schloss Hungen e.V. / Peter Dobrick – Graphic Factory (Utphe)
Logo Freundeskreis – 50 Jahre Freundeskreis Schloss Hungen e.V. / Peter Dobrick – Graphic Factory (Utphe)

Die Veranstaltungsprogramme arbeiten mit den Elementen einer Zivilgesellschaft. Die zentralen Bestandteile sind Kultur und Kunst, gesellschaftliches Ehrenamt und Engagement sowie soziale Verantwortung und politische Teilhabe. Das Veranstaltungskonzept möchte den gesellschaftlichen Nutzen einer solidarischen und wertschätzenden Zivilgesellschaft fördern. Diese Konzeptidee war bereits in der Gründervision und der Zweckbestimmung des 1976 entstandenen Vereins enthalten.

Kulturveranstaltungen und öffentliche Teilhabe

Über die Jahrzehnte wurden vielfältige Angebote und Impulse aus den unterschiedlichsten Sparten der Kunst als kulturelle Veranstaltung und Ereignisse, als Theater- u. Tanzaufführungen im Innenhof des Schlosses, bei Konzerten, Vorträgen und Literatur-Lesungen im Blauen Salon; bei Ausstellungen und Installationen im Pferdestall oder bei Schlossfesten (mit zweitausend Besuchern) auf dem Schlossgelände und im Schlossgarten oder den historischen und baugeschichtlichen Schlossführungen einer interessierten Öffentlichkeit präsentiert und erlebbar gemacht.

Keramik auf Sandstein – 2022, Jutta Spies / Foto: Frank Sygusch
Keramik auf Sandstein – 2022, Jutta Spies / Foto: Frank Sygusch

Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger können die Veranstaltungen im Schloss Hungen besuchen. Alle Beteiligten, ob als Besucher; Gäste; Künstler; Mitwirkende erweitern im gegenseitigen Kontakt und im gemeinsamen Austausch auf vielfältige Weisen ihren Blick auf kulturelle Ereignisse und Erlebnisse. Besucher erleben dabei stets auch die historischen Dimensionen des Authentischen am Baudenkmal. Konzerte, Theateraufführungen und Lesungen gewinnen an Tiefe, wenn sie die Baugeschichte des Ortes bewusst aufgreifen. Ein Konzert im ursprünglichen Musik- und Wohnzimmer des Schlosses (Blauer Salon/Saal), bei dem vorab erläutert wird, für welche gesellschaftlichen Anlässe dieser Raum entworfen wurde, verändert die Wahrnehmung der Musik und des Raums zugleich. Das kulturelle Ereignis wird zur historischen Kontextualisierung – und umgekeht.
Die ehrenamtliche Arbeit des Vereins wird von den Mitgliedern des Vereins; von Bürgern aus Hungen und der Region sowie zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen, Institutionen und Stiftungen. u.a. von der Stadt Hungen; vom Landkreis Gießen und vom Land Hessen auf verschiedene Weisen unterstützt und gefördert.

Ehrenamtliche Organisation, Partizipation und Zukunftsperspektive

Der Freundeskreis Schloss Hungen lebt von den Ideen und der Bereitwilligkeit seiner Mitglieder. Sie versammeln sich aus Überzeugung und geben dem Verein ein soziales Gesicht in der Region. Die ehrenamtliche Vorstandsarbeit ist als kollegiales Team organisiert und plant die praktische Umsetzung der Vereinsaufgaben. Über das gesellschaftliche Ehrenamt entwickeln sich konkrete Jahresprogramme und Veranstaltungsprojekte im Baudenkmal Schloss Hungen. Über die Vereinsjahre haben sich aus Erfahrungsbedingungen gewisse Verfahrensabläufe und Aufgabenverteilungen entwickelt. Sie bilden als Gedächtnis die Versammlung des Vereinsdenkens.

Digitaler Archivraum und soziale Erinnerung

Der Verein hat in 2025 damit begonnen einen digitalen Archivraum auf seiner Homepage einzurichten. Der öffentlich zugängliche Raum will die vielschichtige Vereinsgeschichte mit beispielhaften Dokumentationen und am exemplarischen Beispiel aufzeigen und verschiedene Zugänge zur eigenen sozialen Erinnerung eröffnen. Durch schrittweise Annäherungen an Quellen, Dokumente und Erzählungen, die auch in der Wechselwirkung zur Geschichte des Baudenkmals stehen, entsteht eine öffentliche Darstellung der eigenen Geschichte als Hungener Kulturverein. Diese ermöglicht gleichzeitig Austausch und kritische Auseinandersetzung.

Schloss Hungen - Foto: Frank Sygusch
Foto: Frank Sygusch

Bewährte Zusammenarbeit und tragfähige Vision

Die Zusammenarbeit zwischen der Schlossgruppe und dem Kulturverein „Freundeskreis Schloss Hungen e.V.“ ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil und ein fest verankerter Baustein im Selbstverständnis und Konzept beider Institutionen. Die nachhaltige Erhaltung und Entwicklung des Vereins hat sich über fünf Jahrzehnte bewährt. Die Vision der Gründungsidee hat sich als tragfähig erwiesen. Die bewusste Entscheidung der hessischen Landesdenkmalpflege, das Baudenkmal für ein Wohngruppenprojekt zu öffnen, hat nicht nur zur Rettung der Bausubstanz beigetragen. Sie hat einen bedeutenden Gruppenprozess befördert und ermöglicht, der das historische Baudenkmal in einen soziokulturellen Lebens- und Wohnort umgewandelt hat.

Text: Frank Sygusch / Februar 2026